Der Lehrerberuf im Wandel

 

Der Lehrerberuf wie heute hat seinen Ursprung im 18. Jahrhundert. Die Aufklärung und die industrielle Revolution brachten ein neues Bewußtsein hervor, das Bildung und Erziehung als Notwendigkeit für den Fortschritt ansah. Das Ziel war in dieser Anfangszeit möglichst vielen Kindern gleichzeitig die gleichen Inhalte zu vermitteln. Das führte zur Herausbildung der Jahrgangsklassen und des Frontalunterrichts. Später dann in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhundert war die Lehrerautorität weiterhin qua Amt und Rolle unantastbar festgelegt. Doch dann kam das Jahr 1968 – Unter den Talaren- Muff von 1000 Jahren -. Dem Lehrer wurde von einer aufbegehrenden Jugend vorgeworfen, Diener des maroden und auf Ungleichheit basierenden kapitalistischen Systems zu sein. Es bildete sich in Folge ein neuer Lehrertypus heraus und es entstanden neue pädagogische Herangehensweisen wie beispielsweise der Projektunterricht. Darüberhinaus kam es in dieser Zeit zur Gründung alternativer Schulen, die das staatlich Schulwesen erweiterten und in Frage stellten. Ausgehend von den Diskussionen dieser Zeit wuchs der didaktische Anspruch der Eltern, die jetzt mehr Rechte für sich und ihre Kinder einforderten. Das wiederrum war mit ein Grund für die zumehmende Verrechtlichung und Verbürokratisierung des Schulwesens. Schule sollte nun zusätzlich zur Wissensvermittlung erziehen und unter Umständen sogar Erziehungsfehler ausbügeln. Der Anspruch an den Beruf Lehrers wuchs. Das zeigt sich auch in Untersuchungen aus den 70er Jahren zur Wochenarbeitszeit von Lehrern: Diese lag bei 45 – 48 Stunden und war ungleich verteilt, Wochenenden, Abende und dann die zeitweise Häufung.

 

Das neue Anforderungsprofil des Berufes wurde immer komplexer und in sich durchaus widersprüchlich. so ergeben sich unter anderm die Paare:

Förderung – Auslese

Stoffvermittlung – Erziehung

Motivation – Disziplinierung

Individualisierung - Steuerung vom Gruppenprozessen

 

Das alles verbunden mit einer hohen Anforderung an sich selbst als Lehrer und als Einzelkämpfer, der dem übergeodneten Ganzen verpflichtet ist undTeamarbeit und kollegiale Kommunikation pflegt, um nur einige zu nennen.

 

 

 

Die Tätigkeit des Lehrers wurde zunehmend zu einer Sisyphusarbeit – pädagogisches Handeln in Schulrahmen führt nicht zu sicherem Erfolg.

In den 80er Jahren dann bahnte sich immer sichtbarer eine Veränderung der Lebenswelt an. Durch den aufkommenden Medieneinfluss machten die Kinder und Jugendlichen zunehmend medial vermittelte Sekundärerfahrungen statt sinnlicher Primärerfahrungen. Zeitgleich wurden weniger Lehrer eingestellt, die Kollegien veralteten und kamen nicht mehr mit gesellschaftlichen Entwicklung mit.

 

Der Ruf nach der Lehrerpersönlichkeit wurde laut. In diese Zeit fällt das Aufblühen von Supervision und Balintgruppen im Lehrerberuf. Auch wurde spezifische Trainings- und Beratungsmodule für die Stärkung und den Ausbau der Lerhrerpersönlichkeit entwickelt. Der Lehreralltag veränderte sich, Stichwörter wie Arbeitsökonomie und Entwicklung von Kommunikationsfähigkeit standen auf dem Programm. Der Begriff der Lehrerpersönlichkeit wurde seriös und professionel unter die Lupe genommen, der Slogan, das Erziehung durch Beziehung erst richtig möglich wird kommt aus dieser Zeit. Es zeigt sich jedoch, dass die Lehrerpersönlichkeit nicht automatisch zu gutem Unterricht führt.

In den 90er Jahren nun wandelt sich die Lehrerpersönlichkeit zum Unterrichtsexperten, einem Fachmann mit begrenztem Einfluss; er kreiert eine geeignete Lernsituation und ist Profi für erfolgreichen Unterricht. Diesem Lehrerbild liegt die herrschende technologisch orientierte und kognitiv betonte Form des Lernens zu Grunde.

Unterricht soll:

 

  • methodisch abwechslungsreich sein

  • schülerorientiert und gruppengesteuert

  • klar, nachvollziehbar und zielgerichtet

  • kognitiv motivierend

  • ein gutes Classroommanagement aufweisen

 

Diese und weitere Anforderungen speisen sich aus dem aufkommdenden Konstruktivismus und der kognitivistischen Lerntheorie mit Betonung auf der Schüleraktivität.

 

Für die neuen methodischen Konzepte taugt aber nun teilweise die alte Bewertungsskala nicht mehr: an diese Stelle sollen Portfolios, Lerntagebücher und Dokumentationen treten.

Dann kommt der PISA-Schock und ein zunehmender Leistungsanspruch in der Gesellschaft der dazu führt, dass immer mehr Kinder (51%) das Abitur machen wollen oder sollen. Manche Ausbildungsbetriebe nehmen teilweise keine Realschüler mehr an.

Die Gesellschaft wird zunehmend komplexer und der Lehrer soll nun einerseits weiterhin Wissen vermitteln, aber auch Methoden zum Selbstlernen an die Hand geben und als Lernberater fungieren.

 

Damit geht ein Paradigmenwechsel in der pädagogischen Debatte einher:

  • Anbieten statt vorschreiben

  • individiuelle Lernsituationen schaffen

  • Diagnose und Beratung statt Tadel und Strafe

  • Begleitung von individiuellen Lernwegen

  • besprechen und ermutigen statt Vorschriften machen

  •  

Die ganze Ausbildung, der Erfahrungsschatz des tätigen Lehrers werden in Frage gestellt. Entweder kapituliert er vor sich selbst - Ich kann das alles nicht – oder vor den Anforderungen von Außen - der Schulleitung und den Eltern.

Die neuen Methoden setzen sich nur langsam durch und der Schüler erlebt, dass Frontalunterricht zwar langweilig ist, er aber etwas lernt.

 

Heute nun ist vom Lehrer eine multiple und dynamische Kompetent gefragt. Man kann 4 Lehrertypen herauskristalisieren, die sich in einer Person je nach Situation und in verschiedenen Abstufungen zeigen sollten:

Der Dompteur

Der Entertainer

Der Neo-Romatiker auf Entdeckungsreise

Der coole Fachmann

 

Dazu kommt nun, dass der bislang individiuelle und in seiner Unterrichtsgestaltung freie Lehrer zunehmend zum Teamplayer werden soll. Es müssen Schulprofile entwickelt werden, gemeiname Unterrichtsplanung, Corporate Identiy, Arbeitsgruppen...

Und die Entwicklung ist nicht vorbei. Aber das, was immer bestehen bleibt, ist, dass wir als Lehrer der neuen Generation ein wenig von dem weitergeben dürfe, was wir von der Welt meinen verstanden zu haben.

Eltern, Kinder, Schüler, Lehrer, Freunde, Bekannte, Youtuber...alle fordern von uns etwas ganz Besonderes. Gewisse Selbstverständlichkeiten sind nicht mehr als Orientierung vorhanden.

Wie kann der Lehrer heute mit den besonderen Situation umgehen? Wo situiert er sich selbst – er will ja auch das Richtige machen. Sein Leben leben, seinen Idealen, seinem Stern folgen. Was kann heute seine Mission sein?

Unter dem Druck der Gesellschaft und anderen Phänomenen verlieren wir den Zugang zu unserer Mission, unserem Sinn. Erfolg, Schönheit, Smartness stehen uns im Wege.

Wer sind wir eigentlich? Und was wollen wir hier in unserem Leben erreichen?

 

Michangelo hat gesagt: Der David steckte von Anfang an in dem Marmorblock, ich habe nur entfernt, was nicht dazugehörte: Ist die eigene Mission finden alles weglassen, was nicht dazugehört? Die Mission ist da, wir müssen sie nur aufdecken, enthüllen, hervorkommen lassen. Es ist ein achtsames Fühlen und Spüren, verborgen im Stein ist das Licht.

 

Die Herausforderungen im Lehrerberuf sind sehr vielgestaltig. Entsprechend kommt es besonders in diesem Berufsfeld häufig zu Frühverrentung. Eine Untersuchung der Uni Kassel aus dem Jahr 2002 unter ausgeschiedenen Lehrern zeigt im Detail die Belastungsspitzen auf.

 

(Zusammengefasst aus Herbert Gudjons, Neue Unterrichtskultur – veränderte Lehrerrolle, Bad Heilbrunn, 2006)